Wie Viscri zum Sockendorf wurde: Eine Gründergeschichte

Geschichten sind emotional, eingängig und teilbar. Mit einer guten Geschichte können Sie selbst die noch so banalsten Produkte und Dienstleistungen nett verpacken. Stricksocken, mit denen man — wenn man ein Glückspilz mit lieber und talentierte Oma ist — nicht nur zur Weihnachtszeit ausgestattet wird, sind auf den ersten Blick ein solches Allerweltsprodukt. Doch für die Frauen in einem kleinen Dorf in Rumänien bedeuten diese Wollstrümpfe eine ganze Menge mehr, sichern sie doch den Lebensunterhalt im Winter, wenn die Landwirtschaft in die Winterpause geht. Und auch der Käufer erhält weit mehr als ein Paar Fußwärmer. Denn mit dem Kauf einer derartigen Socke, kauft man nicht nur echte Handarbeit, sondern auch die dazugehörige Geschichte. Die Gründergeschichte des Sockendorfs Viscri lautet jedenfalls wie folgt:

Es war einmal eine alte Dame namens Leana Estrati, die in einem kleinen Dorf in Rumänien von Haus zu Haus zieht und bettelt. Bei einem zugezogenen deutschen Paar, Maria Westerveld und Harald Riese, hat sie damit oft Erfolg. Doch eines Tages, wir schreiben das Jahr 1999, steht Leana nicht mit leeren, ausgestreckten Händen im Türrrahmen des Ehepaars. Hingegen hält sie den beiden ein Paar selbstgestrickter Wollsocken entgegen. Es dauert nicht lange, da entwickelt sich das anfängliche Tauschgeschäft zu einer Unternehmensidee. 2001 wird der Verein "Viscri incepe", zu Deutsch "Viscri legt los" gegründet und die kleine Gemeinde mit ihren fleißigen, engagierten Frauen ist von da an munter am Stricken. Heute arbeiten rund 130 Frauen und Mädchen in dem Sockendorf. Das Sortiment ist mittlerweile um Handschuhe, Mützen, Stirnbänder, Babydecken, Pullover wie auch Filzpantoffeln, -hüte und -taschen erweitert worden. Jedes Pärchen wird persönlich in Augenschein genommen: Knoten, die Blasen verursachen könnten, ungleichmäßige Maschen oder nicht eingehaltene Größenangaben werden so vor einem Verkauf zurückgehalten. 

Ein Hilfe zur Selbsthilfeprojekt, welches auf Menschlichkeit und dem Engagement, wieder Teil der arbeitenden Gesellschaft sein zu wollen, baut. Ein Paar Socken, welches mit der mitgelieferten Hintergrund-Story dem Käufer oder Beschenkten nicht nur warme Füße verleiht, sondern auch ein gutes Gefühl gibt. Der Wert einer guten Geschichte sollte somit in seiner strategischen Wirksamkeit nicht unterschätzt werden, hat sie doch ganz essentiell dazu beigetragen, dass die Frauen von Viscri aus ihrer Armut heraus zu freischaffenden Unternehmerinnen wurden. Die Gründergeschichte wie auch die Frauen selbst haben es nicht nötig bemitleidende Blicke oder Gefühle zu evozieren. Sie sind nicht auf Almosen angewiesen, liefern sie doch auf einem hart umkämpften Markt ein faires Angebot ab. Nichtsdestotrotz stellt die Geschichte um die arme Leana einen bemerkenswerten Gründermythos dar, der nachzeichnet wie aus der Not heraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht, das im Stande ist einem ganzen Dorf unter die Arme zu greifen.

Ein Beitrag von: Alexandra Laier